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sich erinnern
Beim Vorgang des sich-Erinnerns lokalisiert ein Mensch bestimmte Informationen im Langzeitspeicher und ruft sie erneut ins Bewusztsein. Nach Israel Rosenfield ist die Taetigkeit des Erinnerns „eine Herstellung von Beziehungen zu mir selbst, zu anderen, zu vergangenen Erlebnissen oder frueher wahrgenommenen Reizen. Das ist das eigentliche Wesen des Gedaechtnisses: seine selbstbezogene Grundlage, sein Ichbewusztsein, das sich immer entwickelt und wandelt und von seinem Wesen her dynamisch und subjektiv ist.“ 9

Das menschliche Gedaechtnis organisiert sich nach der Strategie des zeitlichen Erinnerns. Auf der Gedaechtnisspur werden Meilensteine (vgl. Keyframes) abgespeichert. Gewisse Ereignisse werden dann dahingehend unterschieden, ob sie vor oder nach dem Meilenstein stattfanden und die Kontinuitaet des Bewusztseins entsteht, weil unser Gehirn Assoziationen zwischen einzelnen Augenblicken herstellt. Jede Information verfuegt ueber eine spezifische Komponente, die das Ereignis zeitlich definiert (vgl. Timecode).  Vergangenheit und Gegenwart sind eng verflochten, und zwar in so raffinierter Weise, dasz sich nie nur das eine oder das andere zeigt, sondern immer beides. Erkennen, so stellt der englische Neurologe Henry Head 1929 fest, erfordert eine Reihe von Bildern, und keines davon ist genau das Bild dessen, was man wahrnimmt.

Gedaechtnis und Bewusztsein
Spricht der Mensch vom Erinnern, meint er damit den Prozess des Bewusztmachens, also Ins-Gedaechtnis-holens von Erfahrungen und Kenntnissen, welche er vorher sorgfaeltig im Gehirn abgespeichert hatte. Jedes erinnerte Bild von einer Person, einem Ort, einer Idee oder einem Gegenstand enthaelt zwangslaeufig eine Verbindung zu der Person, die sich erinnert. Das menschliche Gedaechtnis verfuegt ueber einen Bezugsrahmen der koerperlichen Selbstwahrnehmung, im Unterschied zu jeder Bildspeicherkapazitaet einer Maschine. Nach Sigmund Freud sind Erinnerungen nicht nur selbstbezogen, sondern dieser Selbstbezug hat ein komplexes Wesen und ist gleichzeitig nur schwer wahrnehmbar. 

Dieses Phaenomen weisz der Bewusztseinsforscher Israel Rosenfield folgendermaszen zu kommentieren:

 

Wahrnehmung ist Veraenderung, nicht das unmittelbare Aufnehmen von Reizen. Bewuszte Bilder sind dynamische Beziehungen zwischen staendig flieszenden und sich entwickelnden einheitlichen Reaktionen; sie sind ploetzlich anders und leiten sich doch von vorangegangenen Reaktionen ab, die zur Vergangenheit einer Person gehoeren. 10

Da der menschlichen Wahrnehmung immer ein subjektiver Charakter anhaftet, werden unsere Gedanken ueber Menschen und Ereignisse permanent revidiert und neu strukturiert. Das, was wir Erfahrung nennen, ist also eine „endlos fortschreitende Strukturierung von Ereignissen. 10

Ein bewusztes Bild, ob es nun durch Erkennen oder durch Erinnerung entsteht, ist demnach das Ergebnis komplizierter neurophysiologischer Wechselwirkungen; es vereinigt in sich vergangene und gegenwaertige Erlebnisse einer Person, und sein eigentliches Wesen ist die subjektive, selbstbezogene Qualitaet.11

Medien  | Speicher | Gedaechtnis
Die Geschichte der Gedaechtnistheorien ist durch einen eigentuemlichen Widerspruch gekennzeichnet: auf der einen Seite die Tradition der Rhetorik, die eine Fuelle technisch-mechanischer Modelle und Begriffe hervorgebracht hat, auf der anderen Seite die Psychologie, die Philosophie, oder allgemeiner: die Humanwissenschaften, die darauf beharren, dasz es sich bei allen mechanischen Modellen um Metaphern handele, und dasz die Vorgaenge des menschlichen Gedaechtnisses auf technische Prozesse in keiner Weise abbildbar seien. Jeden, der sich mit den Medien beschaeftigt, aber musz diese Gegenueberstellung zutiefst unbefriedigt lassen. Selbst wenn naemlich beide Seiten, jede auf ihrem Terrain, recht haetten, wenn die Polaritaet also tatsaechlich unueberbrueckbar waere - was wuerde dies für eine Theorie der Medien bedeuten? Als technisch-mechanische Implementierungen fielen die Medien exakt auf die Seite jener 'Archive', 'Registraturen' und 'Speicher', die dem 'lebendigen', menschlichen Gedaechtnis entgegenzusetzen waeren. Die Medien erschienen ein weiteres Mal als ein Werkzeug, vielleicht als eine 'Extension', in jedem Fall aber als ein Sekundaeres und Abgeleitetes, das zu einem primaeren 'natuerlichen' Gedaechtnis von auszen hinzutritt. 12